Die Weihnachtsflut 1717

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Am 24./25. Dezember vor 300 Jahren wütete an der Nordseeküste eine der schwersten Sturmfluten überhaupt. Die Flut- Katastrophe erfasste die gesamte Nordseeküste von den Niederlanden bis nach Dänemark. Nach amtlichen Aufnahmen, die jedoch, weil die Berichte nicht überall vollständig geliefert wurden, auf jeden Fall unter der Wirklichkeit bleiben, sind von Westfriesland bis Schleswig in der Weihnachtsflut etwa 10828 Menschen, 7982 Pferde, 37433 Hornvieh, 5463 Pferde u. Hornvieh, 31120 Schafe und 8447 Schweine untergegangen. 4915 Häuser wurden weggespült und 3375 stark beschädigt. Verhältnismäßig am meisten litt die Herrschaft Jever; denn dort kamen 1275 Menschen ums Leben. Erst Jahre später erholten sich die Küstenbewohner von dieser Naturkatastrophe.

In seiner „ Geschichte Ostfrieslands“ schildert Onno Klopp die sogenannte „Weihnachtsflut“ im Jahre 1717 folgendermaßen:

Die Weihnachtsflut 1717

Abschrift aus:

Geschichte Ostfrieslands von 1570 – 1751, von Onno Klopp, Osnabrück, 1856, S. 487 ff.

(…) Es nahte einer der furchtbarsten Tage, die jemals über Ostfriesland hereingebrochen sind, die Weihnacht von 1717. 1 Einige Tage vorher wehte der Wind stark aus Südwesten und trieb viel Wasser durch den Kanal in die Nordsee. Es schien bedenklich, wenn unter diesen Umständen der Wind nach Nordwesten umschlagen würde. Am Abend des 24. December legte sich erst der Sturm, dann sprang er wieder auf, wurde westlich und von 10 bis 11 Uhr nordwestlich mit großer Gewalt. Nun war Gefahr vorhanden. Doch es war das letzte Viertel des Mondes; mithin stand keine Springfluth bevor. In Emden hatte man gegen halb zwei Uhr das Ende der Ebbe zu erwarten und die Zeit der Fluthhöhe traf demnach auf etwa halb sieben Uhr. Als um Mitternacht der Sturm erstarb, schien die etwa noch mögliche Gefahr zu geringfügig. Die Menschen legten sich ruhig zu Bett und sie durften es nach ihrer Erfahrung.

Allein die Mächte der Natur spotten der spannenlangen Erfahrung der Menschen. Um 1 Uhr nachts am 25. December erhob sich aufs neue der Sturm und heulte und brauste daher mit nie geahnter Gewalt. Die Wellen erhoben sich, sie schwollen an und zur selben Stunde, wo nach Berechnung und Erfahrung die Ebbe ihren niedrigsten Stand erreicht haben musste, ergossen sich die Gewässer des Meeres im Wogenschwall hoch über die Deiche. „Es kam übers Land angelaufen“, sagt ein Augenzeuge, „nicht nach und nach, sondern von dem ersten Anfang ist es mannshoch über das Land gegangen.“ Ein beladenes Schiff von 60 Lasten ward über den Deich geworfen. Noch andere Dinge werden berichtet, welche anzudeuten scheinen, dass bei dieser Fluth mehr Ursachen mitwirkten, als dem menschlichen Auge offenbar wurden. In Grimersum lief acht Tage vorher der Ziehbrunnen in einer Scheune bei ganz stillem Wetter über, eine ähnliche Erscheinung, wie die späteren, welche 1755 während des Erdbebens von Lissabon an Brunnen und Gräben in Ostfriesland bemerkt worden sind. (…) Die Fluth stieg höher als jemals eine zuvor, von der uns sichere Kunde überliefert ist. Sie stand an der Kirche zu Suurhusen höher, als die Allerheiligenfluth von 1570. Sie war schrecklicher als diese durch die Gewalt ihres Beginnes, durch ihre Dauer und durch die Finsternis der ersten Nacht. Es war eine Weihnacht voll Schauder und Entsetzen. Kein Stern, kein Mondenlicht herab auf die ganze lange Küste der Nordsee, wo von Calais bis zur Mündung der Eider so viel tausend Menschen mit dem Tode rangen. Mehrmals erhellte ein Blitz den Schauplatz des unsäglichen Jammers, und für einige Sekunden übertönte der rollende Donner den Sturm und die Wellen und den Angstruf der Menschen. Auch ein solcher freilich ward Vielen nicht vergönnt. Die Gewalt der einstürzenden Wogen riß einzeln stehende Häuser mit dem ersten Stoße hinweg, und bettete die schlafenden Bewohner unter die Trümmer, oder riß sie im wilden Wasserwirbel mit sich fort. Anderen ward der Ggrausame Aufschub zu Theil sich ohne Feuer, ohne Nahrung und bei dem furchtbar jähen Einbruch des Verderbens selbst ohne Kleidung aus dem Bette auf den Boden und von dem Boden durch das Dach auf die First desselben zu flüchten, bis nach und nach die Mauern den stets erneuten Stößen wichen und zuletzt eine höher und gewaltiger daher eilende Welle in dem Sturze die Erlösung brachte.

Endlich brach der langersehnte Morgen an. Es ward Licht, aber nicht ein Licht des Friedens. Der Sturm hielt an. Die Wasser standen. Sie wogten umher und auf ihnen die Unglückseligen, die an Bretter und Dachstücke sich klammerten, bis aus den erstarrten Händen alle Kraft des Haltens wich. Andere saßen auf Heuhaufen, auf ganzen Dächern, die losgerissen waren, und trieben mit ihnen umher, bis ihr gebrechliches Fahrzeug an Bäume wie an Klippen stoßend sich löste und sie versanken. (…)

Auch in dieser Fluth sah man, wie in früheren, große Stücke moorigen Landes sich lösen und umhertreiben. Bei Westerholt im amte Esens schwammen auf solche Weise in einem Stück 5 Diemath (2000 Quadratruthen) an, die drei bis vier Fuß dick waren. Bei Timmel landete ein solches Stück moorigen Bodens. Die Einwohner eilten herzu; aber sie wichen bestürzt zurück, als sie erkannten, wem dies Stück Moores zur Rettung gedient hatte. Es saß voll Nattern, die sich im Moore aufzuhalten pflegten. (…)

Als die Wellen in das Kirchspiel Funnix einströmten, warfen die Eltern schnell entschlossen 80 Kinder in zwei Schiffchen, die dort lagen, und ließen sie fahren. Sie gelangten glücklich in Wittmund an. (…) Als die Gewässer wieder abgelaufen waren, machten die Wittmunder sich auf den Weg den Eltern ihre Kinder zurückzugeben. Viele suchten umsonst. 243 Menschen waren in dem einen Dorfe zu Grunde gegangen, und die Wittmunder Bürger kehrten mit den meisten der Waisen zurück, um selber den Verlassenen fortan Versorger und Väter zu sein. (…)

Drei Tage lang tobte der Sturm. Wenn auch hier und da zuweilen sich das Wasser minderte, so trat doch die gewöhnliche Ebbe nicht ein. Während dieser Zeit war der Hülfe und dem Wohlthun ein reiches Feld der Thätigkeit eröffnet. Durch die Anstalten des Freiherrn von Kloster zu Dornum sollen an tausend Menschen das Leben behalten haben. Der Pastor Gödeke zu Werdum beherbergte und speiste 14 Tage hindurch 50 Personen. (…)

Während Alles dies am 25. December in der Nacht und den Tag über geschah, feierte man in Aurich das Weihnachtsfest und wusste nicht, was in der Entfernung weniger Stunden von dort sich zutrage. Erst gegen Abend kam Nachricht, dass das Seewasser eingedrungen sei und sich bis Fahne erstrecke. Dies Unerhörte erschien unglaublich, bis am anderen Tage eine Bestätigung nach der anderen und selbst die neue Kunde eintraf, dass sofort hinter Extum und Walle ein unabsehbares Meer beginne. Fast das ganze Harlingerland, das Emder, Greetsieler, Norder, Pewsumer Amt waren von den Wellen bedeckt, das Leerer und Friedeburger Amt zum Theil. Nur das Stickhauser war frei und ebenso der innere Theil des Auricher Amtes. Dagegen standen bis auf Jennelt alle Herrlichkeiten unter Wasser und gerade in ihnen hatten die Wellen entsetzlich gewütet.

Erst nach dem 28. December 1717 liefen die Gewässer wieder ab und man erkannte den Umfang des unmittelbaren Schadens. Auf Dornumer- und Westaccumer-Siel, die neben einander gelegen, zusammen vorher etwa 100 Häuser zählten, standen noch 7. die anderen waren zu Steinhaufen geworden. (…) Die folgende Tabelle 2 gibt eine Übersicht des bekannt gewordenen Schadens, so jedoch, dass unter den beschädigten Häusern nur diejenigen aufgeführt sind, welche schwer gelitten haben: denn in den Marschämtern war kaum ein Haus unbeschädigt geblieben.


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